Raum im Körper –
was Yoga wirklich verändert
Diese Woche entsteht Raum im Körper – nicht der Platz für die Matte, sondern der Raum, in dem Atem und Leichtigkeit entstehen. Spürst du irgendwo Enge? Schenk dort ein paar Millimeter Weite. Oft reicht ein Atemzug – und plötzlich fühlt sich alles wieder luftig an.
Diese drei Sätze habe ich diese Woche in meinen WhatsApp-Kanal geschrieben. Und ich merke: Sie berühren etwas. Weil fast jeder Mensch Enge kennt. Im Körper, im Alltag, im Kopf. Und weil die wenigsten wissen, was Yoga wirklich damit macht.
Was meinen wir eigentlich mit «Enge im Körper»?
Enge im Körper ist nicht dasselbe wie Unbewegsamkeit. Es ist eher ein Gefühl – ein Ziehen, ein Druck, ein «Hier kommt kein Atem hin.» Manchmal sitzt es in den Schultern, manchmal in der Brust, manchmal tief in den Hüften. Und meistens hat es eine Geschichte.
Stress spannt die Muskeln an – das ist eine Schutzreaktion des Nervensystems. Wenn wir uns bedroht fühlen, zieht sich der Körper zusammen. Schultern hoch, Atem flach, Kiefer fest. Das war in der Steinzeit sinnvoll. Heute sitzt diese Anspannung oft stundenlang im Bürostuhl oder hinter dem Steuer und vergisst, sich wieder zu lösen.
Dazu kommen Haltungsmuster: Wir sitzen viel, schauen nach unten auf Bildschirme, tragen Lasten – oft auch unsichtbare. Der Körper formt sich um das, was wir wiederholt tun. Er ist kein starres Gerüst, sondern ein lebendiges, lernfähiges System.
Faszien – das Bindegewebe, das alles im Körper umhüllt und verbindet – reagieren besonders sensibel auf Stress, Bewegungsmangel und Emotionen. Wenn sie verkleben oder verhärten, entsteht dieses schwer greifbare Gefühl von Enge, das sich manchmal gar nicht genau lokalisieren lässt. Es ist einfach… da. Wer tiefer in die Faszienarbeit eintauchen möchte, findet in meinem Mobilitätskurs genau diesen Fokus.
Wie schafft Yoga Raum?
Hier wird es interessant. Denn Yoga arbeitet auf drei Ebenen gleichzeitig – und genau das macht den Unterschied zu einem normalen Dehnprogramm.
1. Durch den Atem
Der Atem ist der direkteste Weg zum Nervensystem. Ein tiefer, bewusster Atemzug aktiviert den Parasympathikus – den Teil des Nervensystems, der für Entspannung und Regeneration zuständig ist. Der Körper empfängt das Signal: Es ist sicher. Du kannst loslassen.
Das klingt einfach. Und ist es auch – aber nur, wenn man gelernt hat, wirklich zu atmen. Viele Menschen atmen chronisch flach, ohne es zu wissen. Im Yoga üben wir, den Atem wieder in alle Ecken des Körpers zu schicken: in den Bauch, in die Seiten, in den Rücken. Jeder Atemzug ist ein kleines Aufmachen.
2. Durch Bewegung und Haltung
Yoga-Asanas – die Körperhaltungen – sind kein Selbstzweck. Sie sind Einladungen. Eine Vorwärtsbeuge lädt die Hinterseite ein, loszulassen. Eine Drehung öffnet die Flanken und mobilisiert die Wirbelsäule. Eine Hüftöffnung löst oft weit mehr als nur körperliche Spannung.
Dabei kommt es weniger auf die perfekte Form an als auf das, was du dabei wahrnimmst. Wo spürst du Widerstand? Wo kannst du noch ein bisschen mehr Raum atmen? Diese innere Aufmerksamkeit ist das eigentliche Yoga – und was die fünf Prinzipien des Yoga als Grundlage beschreiben.
3. Durch Bewusstsein
Das ist die Ebene, die am häufigsten übersehen wird. Raum entsteht nicht nur durch Bewegung – er entsteht durch Wahrnehmung. Wenn du bemerkst, dass deine Schultern hochgezogen sind und sie bewusst senkst, hast du bereits Raum geschaffen. Nicht mit Kraft, sondern mit Aufmerksamkeit.
Diese stille Aufmerksamkeit üben wir auch in Savasana – der Haltung am Ende jeder Praxis, in der echte Integration erst entsteht.
Verschiedene Stile – verschiedene Arten von Raum
In meinen wöchentlichen Kursen in Kloten unterrichte ich fünf verschiedene Yogastile – und jeder schafft Raum auf seine ganz eigene Art:
Yin Yoga arbeitet mit langen, passiven Haltungen – oft 3 bis 5 Minuten. Das Ziel ist nicht Muskelarbeit, sondern das Loslassen. Die Faszien werden sanft gedehnt, das Nervensystem beruhigt. Yin schafft Raum durch Stille.
Vinyasa schafft Raum durch Fluss. Bewegung und Atem verbinden sich zu einem Rhythmus, der den Alltagslärm im Kopf ausblendet. Wärme und Dynamik spülen Verspannungen weg. Raum durch Aktivierung.
Hatha verbindet Kraft und Entspannung, Anspannung und Loslassen. Klare Haltungen, bewusste Ausrichtung, ruhiger Atem. Hatha schafft Raum durch Struktur – du gehst nach Hause und weisst, wo du stehst.
Faszien Yoga arbeitet gezielt mit dem Bindegewebe – genau dort, wo Enge oft zuerst entsteht. Sanfte Mobilisation der Gelenke, gezielte Dehnung. Raum durch Präzision – du spürst den Unterschied oft schon nach der ersten Stunde.
Sanftes Yoga ist die Einladung anzukommen – ohne Leistungsdruck, ohne Vergleich. Weiche Bewegungen, ruhiger Atem, ein offener Rahmen. Raum durch Leichtigkeit. Ideal wenn du das erste Mal Yoga ausprobierst – oder wenn dein Körper gerade einfach Ruhe braucht.
Kein Stil ist besser als der andere. Welcher Raum dir gerade fehlt, bestimmt, was du brauchst. In Privatstunden stehen noch weitere Stile zur Verfügung – darunter Power Yoga und Sivananda Yoga, dessen regelmässige Sequenz durch Wiederholung Raum schafft, ähnlich wie die 108 Sonnengrüsse.
Asana der Woche: Der Gedrehte Ausfallschritt
Diese Haltung schafft gleich mehrere Arten von Raum auf einmal: Die Hüftbeuger öffnen sich, die Wirbelsäule mobilisiert sich, und das Gehirn braucht so viel Konzentration, dass der Alltagsstress kurz in den Hintergrund tritt. Fünf Variationen – für jeden Körper die passende.
Beginne im Ausfallschritt: das rechte Bein vorne, das linke Knie am Boden. Die Hand kommt an die Innenseite des vorderen Fusses – der Körper öffnet sich sanft zur Seite, der Blick folgt der oberen Hand nach oben.
Lass Becken und Hüfte sich nach unten sinken. Kein Zwang – lass die Schwere der Erde arbeiten.
Wechsle die Seite mit dem Oberkörper – und spür den Unterschied zwischen beiden Seiten.
Der Körper ist selten symmetrisch. Das ist kein Fehler, das ist Information. Mehr über das bewusste Wahrnehmen von Asymmetrien findest du im Artikel über Hüfte & Rücken loslassen.
Ausgehend von Variante 1 kommt jetzt die erweiterte Drehung dazu: Mit der Einatmung streckt sich die Wirbelsäule lang, mit der Ausatmung dreht sich der Oberkörper nach oben. Der obere Arm zeigt zur Decke oder eben noch etwas weiter.
Die Drehung kommt aus dem Bauch, nicht aus dem Hals. Lass jeden Einatem mehr Länge schaffen – und jeden Ausatem etwas mehr Tiefe. Diese Art der Atemführung ist auch Thema im Artikel über Vagusnerv & Atmung.
Knie am Boden, Handflächen in der Gebetsposition vor der Brust – Anjali Mudra. Mit der Ausatmung dreht der Oberkörper nach aussen, der hintere Ellbogen kommt an die Aussenseite des vorderen Knies.
Bleib 5 bis 8 Atemzüge. Nutze jeden Einatem um länger zu werden, jeden Ausatem um ein kleines bisschen tiefer zu drehen. Diese klassische Form gehört zur Grundsequenz im Hatha-Kurs.
Das hintere Knie hebt vom Boden ab – der Körper balanciert auf zwei Punkten. Handflächen zusammen, Ellbogen auf dem vorderen Knie, Drehung aus der Körpermitte. Volle Konzentration, voller Raum.
Diese Variante fordert Kraft, Stabilität und Körperbewusstsein gleichzeitig. Hier kann der Kopf nicht wandern – du bist vollständig im Moment. Genau das ist das Herzstück des Flow-Kurses.
Was bedeutet Raum für mich als Yogalehrer?
Ich denke oft darüber nach, warum Menschen zu mir in den Kurs kommen. Selten ist es allein der Wunsch nach Flexibilität. Meistens steckt etwas anderes dahinter: die Erschöpfung nach langen Wochen, das Gefühl, zu funktionieren statt zu leben, der Wunsch, einmal tief durchzuatmen.
Yoga lehrt mich das immer wieder – auf der Matte und daneben. Ein Atemzug, eine Sekunde Bewusstsein, ein kleines Loslassen. Das reicht manchmal schon. Nicht als Lösung für alles. Aber als Anfang.
Wer mehr über die Grundlagen dieser Praxis lesen möchte – was Yoga eigentlich ist und warum es mehr als Dehnen ist – dem empfehle ich meinen Artikel über die fünf Prinzipien des Yoga.
Ich begleite dich gerne –
auf der Matte und daneben.
Egal ob du gerade erst anfängst oder schon lange praktizierst.
Komm vorbei – eine Probestunde reicht.
