Selvarajan Yesudian

Yoga nach Selvarajan Yesudian – ein einzigartiger Weg

Selvarajan Yesudian gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter des Yoga in Europa. Doch während sein Name vielen aus klassischen Büchern wie „Sport + Yoga“ vertraut ist, bleibt sein eigener Yogastil oft weniger klar umrissen. Was machte sein Yoga eigentlich aus? Wie unterrichtete er? Und wie lassen sich seine Ansätze heute einordnen – zwischen Tradition, therapeutischer Praxis und modernem Yoga?

Dieser Beitrag beleuchtet Yesudians Leben, seine Methode und ordnet sie kritisch ein, damit ein möglichst zuverlässiges Bild entsteht.

Selvarajan Yesudian
Selvarajan Yesudian

Ein kurzer Blick auf sein Leben – von Südindien nach Zürich

Selvarajan Yesudian wurde 1916 in Sholinghur bei Madras (Indien) geboren. Als Kind war er kränklich und fand erst über die Begegnung mit einem lokalen Yogalehrer Zugang zu körperlicher Stärke und Gesundheit. Diese Erfahrung prägte ihn tief – sie wurde zum Fundament seines späteren Yogaweges.

1936 zog er nach Budapest, um Medizin zu studieren. Dort lernte er die Künstlerin und spirituelle Lehrerin Elisabeth Haich kennen – eine Verbindung, die wegweisend wurde. Gemeinsam eröffneten sie eine der frühesten Yogaschulen Europas und publizierten Bücher, die heute zu Klassikern zählen.

Nach der Flucht aus Ungarn 1948 liessen sich beide in der Schweiz nieder und gründeten Yogaschulen in mehreren Städten – von Zürich bis St. Gallen, von Aarau bis Luzern.

Elisabeth Haich & Selvarajan Yesudian

Was zeichnet Yesudians Yoga wirklich aus?

Die Beschreibungen seines Unterrichts sind gut dokumentiert: Meditation, Vortrag, Atemübungen, Asanas, Tiefenentspannung. Doch wie sah seine Methode inhaltlich aus? Welcher Tradition folgte er? Und inwiefern unterscheidet sich sein Yoga von dem, was wir heute kennen?

Die folgenden Punkte basieren auf belegbaren Quellen – vor allem seinen Büchern und Beschreibungen seiner Schüler. Wo keine sicheren historischen Belege existieren, wird dies ausdrücklich gekennzeichnet.

1. Ein Yoga, das stark von Raja Yoga und mentaler Schulung geprägt war

Obwohl Yesudian oft mit Hatha Yoga in Verbindung gebracht wird, war sein Ansatz klar raja-yogisch geprägt:

  • Konzentration
  • Geistesschulung
  • Autosuggestion
  • Bewusstseinslenkung
  • „Gedankenhygiene“ (sein eigener Begriff)

Er stützte sich stark auf die Lehren von Vivekananda, dessen Betonung der geistigen Disziplin er regelmässig zitierte.

Kritische Einordnung:
Yesudian nutzte mental-psychologische Elemente, wie sie in der westlichen Medizin der 1930er–1960er Jahre modern wurden. Er bezog sie auf Yoga, aber nicht alle dieser Konzepte stammen aus klassischen indischen Texten. Sein Yoga ist also traditionell inspiriert, aber didaktisch westlich aufbereitet.

2. Atemübungen standen im Zentrum seines Systems

In seinen Schriften – etwa „Selbsterziehung durch Yoga“ – findet man klare Anweisungen:

  • bewusste Tiefatmung,
  • Atemlenkung („Pranalenkung“),
  • tägliche Wiederholungen,
  • Atem als Werkzeug der Selbstregulation.

Er empfahl Pranayama teilweise sogar wichtiger als Asanas.

Kritische Einordnung:
Die Betonung des Atems entspricht dem klassischen Yoga. Allerdings sind seine konkreten Atemvorschriften zum Teil nicht durch alte Hatha-Yoga-Schriften belegt. Seine Atempraxis ist eher therapeutisch-moderne Atemschulung als striktes traditionelles Pranayama.

3. Asanas – sanft, ruhig und fast immer mit geschlossenen Augen

Laut Zeitzeugen und seinen Büchern:

  • langsame, bewusste Bewegungen
  • wenig technische Details
  • Fokus auf Innenschau statt äussere Form
  • Augen häufig geschlossen, um „die Konzentration zu erhöhen“
  • möglichst spannungsfrei und ohne Leistungsdruck

Er verstand Asanas nicht primär als Kraft- oder Flexibilitätsübungen, sondern als Geistesschulung durch den Körper.

Kritische Einordnung:
Dies unterscheidet ihn deutlich von modernen Hatha-Stilen wie Iyengar, Vinyasa oder Power Yoga.
Sein Asana-Teil war vergleichsweise sanft, jedoch hoch bewusst ausgeführt.

Es wäre falsch, ihn als „sanften Yoga“ einzuordnen – sein Fokus war intensiv, aber nicht körperlich fordernd.

4. Autosuggestion und Bekräftigungsformeln – ein besonderes Merkmal

Yesudian war einer der wenigen Yogalehrenden, die systematisch mit:

  • positiven Formeln
  • geistiger Selbstsuggestion
  • Affirmationen

arbeiteten. Ein Beispiel, das er oft zitierte:

„Ich bin frei von jeder Bindung. Ich bin frei. Ich bin frei.“

Diese Formeln waren direkt von Vivekanandas Gedankengut inspiriert.

Kritische Einordnung:
Autosuggestion kommt in historischen Yogaschriften kaum vor. Yesudian verband hier Yoga, westliche Psychologie und europäische Lebensphilosophie. Damit schuf er einen Stil, der auf viele Menschen therapeutisch wirkte – aber nicht rein traditionell ist.

So war eine typische Yogastunde nach Yesudian

Laut Quellen lief sein Unterricht so ab:

  1. Kurze Meditation im Sitzen
    – Sammlung, geistige Ausrichtung
  2. Philosophischer Impuls
    – kurze Vorträge über Ethik, Bewusstsein, Mentaltraining
  3. Atemübungen (Pranayama)
    – bewusst, langsam, oft mit Atemlenkung
  4. Asanas
    – ruhig, mit geschlossenen Augen, ohne Vergleich oder Druck
  5. Zwischenentspannung
  6. Meditation
  7. Lange Tiefenentspannung
  8. Übungen für zu Hause

Kritische Einordnung:
Diese Struktur ist typisch für europäische Yogaschulen der 1950er–1970er Jahre und ähnelt dem, was viele unter „klassischem Yoga“ verstehen. Sie ist stimmig, gut dokumentiert und historisch verlässlich.

Yesudians Vermächtnis – und warum sein Yoga bis heute wirkt

Seine Wirkung beruht weniger auf körperlicher Akrobatik, sondern auf etwas Tieferem:

✔ Er brachte Yoga als Geist-Körper-Weg nach Europa.
✔ Er verband Yoga mit Selbstreflexion und Mentaltraining.
✔ Er machte Yoga zugänglich für Menschen jeden Alters.
✔ Er legte Wert auf Gesundheit, Atmung und Bewusstheit statt Spiritualität auf Showniveau.

Heute wirken seine Impulse in vielen Schweizer Schulen nach – besonders dort, wo Yoga sanft, bewusst und psychologisch fundiert unterrichtet wird.

Fazit: Ein Yogastil zwischen Tradition und Innovation

Der Yoga von Selvarajan Yesudian war:

  • geistig orientiert
  • raja-yogisch inspiriert
  • mentaltherapeutisch geprägt
  • strukturiert und methodisch
  • westlich interpretiert
  • körperlich eher sanft
  • bewusst, meditativ und introspektiv

Sein Yoga ist weder klassischer indischer Hatha Yoga noch moderner Fitness-Yoga.
Er ist eine eigene Synthese, entstanden aus indischer Tradition, persönlicher Erfahrung und den Bedürfnissen eines europäischen Publikums.

Gerade diese Mischung macht ihn heute wieder hochaktuell:
Ein Yoga, der nicht höher, schneller, tiefer will – sondern echte Selbstwahrnehmung, Heilung und Klarheit des Geistes.

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